Warum gute Teams scheitern – Nadine Angerer über Teamkultur

Manchmal funktioniert ein Team plötzlich nicht mehr, obwohl Qualität, Talent und Erfahrung eigentlich da sind. Genau das passierte den DFB-Frauen bei der Heim-WM 2011. Für Nadine Angerer war das kein sportliches Problem, sondern ein menschliches. Warum Atmosphäre, Vertrauen und Kommunikation oft wichtiger sind als Taktik und Talent.

Nadine Angerer im Interview mit spized
Nadine Angerer bringt ihre Erfahrung in der spized Club Academy ein.

Warum gute Teams trotz Qualität scheitern können

Nadine Angerer war dabei als Deutschland bei der Heim-WM 2011 ein Debakel erlebte. Sie war eine der erfahrensten Spielerinnen im Kader, führte das Team als Kapitänin auf das Feld. Doch verhindern konnte auch sie das WM-Aus nicht. Rückblickend spart sie dabei heute nicht mit Selbstkritik. „Es war einfach – mit Verlaub – scheiße. Ich habe noch nie so eine verunsicherte Mannschaft erlebt, inklusive mir“, sagt Angerer im Interview mit der spized Club Academy.

Dabei hatte die Mannschaft von 2011 auf dem Papier alles: Titel, Erfahrung, Heimvorteil, ausverkaufte Stadien. Und dennoch fehlte etwas, etwas ganz Entscheidendes, was die Teams, die 2003 und 2007 den Titel holten, auszeichnete: „Bei den anderen zwei Weltmeisterschaften standen die Türen offen. Wir hatten Spaß miteinander, wir hatten Raum für Kreativität, wir hatten Lust, wir hatten eine super Stimmung im Team“, erklärt Angerer. Und 2011? „Und 2011 war jeder einfach nur gestresst. Wir hatten nicht so Ruhephasen, wo wir uns wieder besinnen konnten oder auch mal ausruhen konnten.“

Geschlossene Türen. Kein Teambonding. Kein Raum für Fehler. Kein Raum füreinander. So könne man natürlich „keine gute Kultur im Team kreieren“, sagt Angerer. Das Aus im Viertelfinale sei daher die „logische Folge“ gewesen.

Zusammenhalt und Atmosphäre als entscheidende Faktoren

Was die zweifache Weltmeisterin und fünffache Europameisterin beschreibt, ist kein Profi-Phänomen. Es ist ein menschliches Phänomen – und es passiert in der Kreisliga genauso wie bei einer Weltmeisterschaft. In jeder Sportart, in jeder Liga kann es passieren, dass das Team, das eigentlich gut besetzt ist, über Wochen nicht funktioniert. Die Folge: Die Stimmung kippt, ohne dass jemand genau sagen kann, warum und wie das passieren konnte. 

Zusammenhalt und Atmosphäre sind keine Nebensache im Sport. Sie entscheiden darüber, ob ein Team seine Qualitäten auf den Platz bekommt, oder nicht. Die verbreitete Annahme: Ein Team funktioniert, wenn Taktik stimmt, die Aufstellung passt und alle ihren Job machen, ist nicht falsch. Aber es kann passieren, dass es dann auch mal nicht reicht.

Offene Kommunikation im Team: Der Schlüssel zu Vertrauen und Erfolg

Das mussten die DFB-Frauen 2011 auf bittere Art und Weise erfahren. Der Unterschied lag damals nicht in der Qualität der Spielerinnen. Er lag in der Qualität der Atmosphäre. 

Eine gute Atmosphäre entsteht natürlich nicht von selbst, man kann sie auch nicht erzwingen, aber eines braucht sie ganz bestimmt: offene Kommunikation. „Ich finde es sehr wichtig, innerhalb der Mannschaft Kommunikation zu haben. So entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist unabdingbar, um letztendlich auch erfolgreich zu sein“, sagt Angerer. 

Was die heute 47-Jährige beschreibt, klingt einfach. In der Praxis ist es einer der schwierigsten Schritte, sich vor die eigene Mannschaft zu stellen und Schwäche zuzugeben. „Ich glaube, das ist der größte Schritt, wenn du dich vor eine Mannschaft hinstellst und sagst: Ich habe da und da die und die Probleme auf dem Feld, wie können die mir helfen? Wenn man so ein Vertrauen geschaffen hat, dann kann man erfolgreich sein

Das gilt nicht nur für Spielerinnen und Spieler. Es gilt genauso für Trainer und Vereinsverantwortliche. Wer Verletzlichkeit zeigt, lädt andere ein, dasselbe zu tun. Wer nur nach außen Stärke signalisiert, bleibt allein mit seinen Problemen. Diese können sich dann unausgesprochen auf das Team übertragen. 

Laut Angerer braucht offene und ehrliche Kommunikation zudem Menschen, die die unbequemen Wahrheiten aussprechen. Nicht um Konflikte zu erzeugen, sondern um sie zu verhindern, bevor sie größer werden. Der Unterschied liegt in der Haltung: für das Team sprechen, nicht für den eigenen Vorteil.

Wertschätzung im Sport „ist das A und O“

Für Angerer ist dabei eines entscheidend – und es kostet nichts: „Wofür man absolut kein Geld braucht und was ich das A und O für alles finde – egal ob Profisport, Amateursport oder normales Leben: dass du es schaffst, eine gute Chemie, eine gute Teamdynamik, eine gute Kultur herzustellen. Das kostet kein Geld. Wertschätzung ist ganz, ganz, ganz oben!“ 

Dazu gehört es auch, jeden wahrzunehmen. Nicht nur die Stammspieler, sondern auch diejenigen, die vielleicht selten spielen, selten im Rampenlicht stehen, aber trotzdem jeden Tag da sind: Spielerinnen und Spieler, die trotz weniger Spielzeit das Rückgrat des Teams bilden. 

Nur so könne eine Atmosphäre entstehen, in der Spielerinnen und Spieler Fehler machen dürfen, in der Türen offenstehen und jemand nachfragt, wenn jemand einen schlechten Tag hat. Eine Atmosphäre, in der das Team nicht nur auf dem Platz zusammen ist, sondern auch daneben zusammenhält. Für Teams bedeutet das: Zusammenhalt entsteht nicht durch mehr Training, sondern durch Gemeinschaft, durch Verbindung und durch den Raum, Dinge anzusprechen, die belasten.

Das komplette Interview mit Nadine Angerer auf Youtube anschauen

Natürlich können auch Mannschaften mit einer guten Atmosphäre schlechte Phasen haben. Einflüsse wie Niederlagen, Formschwächen, interne Konflikte oder personelle Abgänge gibt es viele. Die Frage ist daher nicht, ob Rückschläge kommen. Die Frage ist, was das Team dann zusammenhält. „Wir sind damals mit ein paar Spielerinnen einfach mal öfters abends weggegangen nach der WM“, verrät Angerer. „Und wenn man so in einer kleinen Gruppe ist, dann kann man über Dinge reden, man kann Dinge aussprechen. Ich glaube, das hilft – egal ob Profi- oder Amateursportler.“ 

Den DFB-Frauen und Angerer hat es geholfen. 2013 wurde für Angerer zum erfolgreichsten Jahr ihrer Karriere. Für deinen Verein bedeutet das: Es braucht nicht unbedingt Teambuilding-Programme. Es braucht Momente, in denen Menschen ehrlich miteinander reden dürfen, über Druck, über Zweifel, über schlechte Phasen. Das schafft Zusammenhalt, der am Ende den Unterschied machen kann.

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Was du als Verein konkret tun kannst

Was Nadine Angerer beschreibt, ist kein Programm und kein Konzept. Es sind Entscheidungen, die täglich getroffen werden oder eben nicht. 

  • Lasst die Türen offen. Buchstäblich und im übertragenen Sinne. Schafft Räume für informelle Gespräche, für Gemeinschaft, für Momente außerhalb des Trainings. 
  • Sprecht Dinge an, bevor sie sich aufstauen. Angerer beschreibt kleine Gruppen nach der WM, in denen Spielerinnen offen redeten. So etwas könnt ihr überall machen: nach dem Training, auf der Fahrt zum Auswärtsspiel, beim gemeinsamen Essen. Nutzt es. 
  • Erlaubt Rückschläge. Ein Team, welches keine Fehler machen darf, hört auf, Risiken einzugehen. Und ein Team ohne Risikobereitschaft wächst nicht. 
  • Schafft Räume für ehrliche Kommunikation. Nicht nur auf dem Platz, sondern daneben. Mannschaften, in denen Spielerinnen und Spieler offen reden dürfen, bauen Vertrauen auf und Vertrauen ist das Fundament, auf dem Zusammenhalt in schwierigen Phasen trägt. 
  • Haltet Wertschätzung hoch. Nicht als Extra, sondern als Fundament. Wer sich wertgeschätzt fühlt, bleibt. Wer das nicht tut, verlässt das Team – innerlich oder körperlich.
  • Macht Zugehörigkeit sichtbar. Wertschätzung zeigt sich nicht nur im Gespräch, sondern auch darin, dass alle dasselbe tragen. Wer zum ersten Mal im Vereinstrikot auf dem Platz steht, spürt: Ich gehöre dazu. Das kostet wenig und wirkt mehr, als man denkt.

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